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Live auf ein 4:4…

13.10.2010 | Keine Kommentare

…hätte ich gestern beim Stand von 3:2 für Österreich in der 85.Minute gerne gewettet. Wer gestern die drei Toren in den letzten vier Minuten plus Nachspielzeit erraten hätte - wobei ich aber davon ausgehe, das dies niemand zustande brachte - wäre heute wohl um einiges reicher. Wir sahen gestern aber auch ein Spiel, auf das man normalerweise so nicht wetten kann.

Das österreichische Nationalteam trat couragiert auf, zeigte großen Kampfgeist und besteht erstmals seit langer Zeit wirklich aus “Typen”. Im Tor der selbstbewusste Macho, die Innenverteidigung mit zwei ebenso selbstbewussten Jungen, davor der vermeintlich Routinierteste im Team und schließlich die “Achse der Irren”. Der Anführer dieser Irrenachse ist zweifellos Marko Arnautovic. Steht die meiste Zeit arrogant dreiblickend herum, sucht Gelegenheiten für Ferserl oder No-Look-Pässe, verhöhnt mit seinem statischen und doch genialen Spiel nahezu seine Gegenspieler. Und trotzdem gelingen ihm einige der genialen Einfälle, die er hat. Auch wenn andere Einfälle folgenschwer nach hinten losgehen können, wie die Entstehung zum 0:1 aus österreichischer Sicht zeigt. Ein zu lässiges Abspiel in Vorwärtsbewegung am gegnerischen Strafraum, Konter, Tor. Auch in diese Kategorie fällt sein übermotivierter Abschluss, als er beim Stand von 3:2 für Österreich besser auf Maierhofer quer gelegt hätte. Und damit sind wir auch schon beim “Langen”. Dass manche Dinge, die Stefan Maierhofer auf dem Feld macht, seltsam aussehen, wissen wir bereits und das wird sich auch nicht ändern. Sei es wenn er einen Ball “prallen lässt” und der bei dieser leichten Übung fünf Meter aufsteigt,  oder wenn er einem Gegenspieler nachläuft und dabei den Kopf in seinem Genick hin- und herpeitschen lässt als würde er gleich kollabieren. Aber dem Duisburg-Legionär kann man so gut wie nie vorwerfen, dass er sich nicht bedingungslos ins Zeug haut. Auch wenn seine fußballerische Klasse nicht auf Toplevel ist: Solche Stürmer braucht das Team. Was Maierhofer machen kann, können Linz, Wallner und Co. nicht bewerkstelligen. Was Maierhofer macht, hat nicht nur eine Auswirkung auf einzelne Spielsituationen, sondern dauerhaft auf die ganze Mannschaft. Es ist etwas anderes, wenn die Hinterleute sehen, dass da vorne ein Verrückter herumläuft, der im Begriff ist gleich seine Galle auszukotzen, oder einen zahnlosen Angreifer sieht, der darauf wartet bedient zu werden. Um das gestern durchaus starke Mittelfeld abzurunden, gibt’s dann noch Zlatko Junuzovic und Veli Kavlak. Tempodribbler und Übersteigerkünstler. Aber neben Arnautovic sahen sie, auch wenn Zweikampfwerte, Laufbereitschaft und Zusammenspiel vielleicht besser waren als beim Bremen-Legionär, wie zwei Ergänzungsspieler aus.

Routiniertester als Verlierer des Tages

Den Titel für den “Depp des Tages” erhält zweifelsfrei Paul Scharner. Der West-Bromwich-Legionär verursacht in Führung liegend eine der dümmsten roten Karten ever. Tätlichkeit am Gegenspieler, einen Meter neben dem Schiedsrichter. Und das passierte nicht etwa einem jugendlichen Heißsporn, dem in einer hitzigen Partie kurz die Sicherungen durchbrannten, sondern dem Spieler der Österreicher, der die meisten Profispiele auf dem Buckel hat. Ernst Happel verzeihte Michael Konsel einen einzelnen Fehler einst nie, ließ den Klassekeeper danach nie wieder spielen. Ich bin sehr gespannt, wie Happel-Schüler Didi Constantini auf Scharners Aussetzer reagieren wird. Sanktionen muss es geben. Man darf nach einer derartigen Dummheit nicht sofort zur Tagesordnung übergehen. Ohne dieser Dummheit könnten wir bereits mit neun Punkten aus drei Spielen da stehen.

Wechselspiele für Optimisten

Als ich gestern vor dem Fernseher saß und mir die Wechsel des Didi Constantini durch den Kopf gehen ließ, dachte ich nur “will er jetzt einen auf großer Trainer machen?” Die Wechsel waren für mich nicht nachvollziehbar, zumal er einen Aleksandar Dragovic auf der Bank hatte um gegebenenfalls hinten dicht zu machen, schließlich aber nach dem 3:3 und vor dem 3:4 Harnik für Arnautovic brachte. Während Hoffer und Maierhofer bereits bzw. noch auf dem Platz waren, Scharners rote Karte uns zwanzig Minuten zuvor dezimierte. Tut mir leid, in diesem Wechsel sah ich einfach keinen Sinn. So lange ich auch darüber nachdenkte, was er sich davon erwartete. Aber lange musste ich schließlich eh nicht nachdenken - Harnik schoss keine vier Minuten nach seiner Einwechslung das 4:4. Seltsamer ging’s nicht mehr. Aber es gibt eben solche Spiele, in denen man auf und abseits des Feldes Dinge macht, die man sonst so nie machen würde und die aus unerfindlichen Gründen funktionieren.

Ein Team, dem man gerne zusieht

Wir lieferten gestern eine starke Leistung, erzielten vier Auswärtstore in Belgien, halten nach drei Spielen bei neun Toren in der EM-Qualifikation. Das Remis ging im Endeffekt durchaus in Ordnung, wurde von den Spielern gefeiert wie ein Sieg. Das Wechselbad der Gefühle schweißte die Truppe offensichtlich zusammen. Aber jetzt dürfen wir nicht abheben und glauben, dass jedes Spiel so laufen wird. Viel mehr sollte man nun hart weiterarbeiten und endlich erstmals seit Jahren Kontinuität in die Personalentscheidungen bringen. Ich sah gestern ein Nationalteam, dem man als Fan gerne zusieht. Nicht die magere Truppe, die in den letzten Jahren oft einem Autounfall glich. Jetzt nur nicht alles wieder über den Haufen werfen, nur weil im März vielleicht ein, zwei Spieler formschwach sind oder wieder ein paar Junge “mit dem Hintern wackeln”, wie es ja Drazan oder Trimmel ihrerzeit laut Peter Pacult machten. Spielen wir die Qualifikation, sofern es Sperren und Verletzungen zulassen, mit den 14 - 15 Leuten, die spielten oder auf der Bank saßen weiter und wir werden noch die eine oder andere Überraschung erleben.

(c) Dannyo - austriansoccerboard.at

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