Home / Allgemein / Pacult und die sture Taktik

Pacult und die sture Taktik

25.09.2010 | Keine Kommentare

Wenn es im Hanappistadion zehn Minuten vor Schluss 2:2 steht, hat man immer das Gefühl, dass Rapid noch zusetzen und das Spiel gewinnen kann. Egal gegen wen. Wenn Minute 85 anbricht, schaut man dann schon mal etwas nervöser zur Uhr. Wenn ab Minute 90 nur noch vier Mann stürmen, beginnt man zu zweifeln…

…so gesehen beim heutigen Meisterschaftsspiel zwischen dem SK Rapid und dem Kapfenberger SV. Als Steffen Hofmann zu Beginn der Nachspielzeit einen Freistoß hoch in des Gegners Strafraum bringen wollte, warteten nur vier Rapid-Spieler auf die Hereingabe. Zwei sicherten in der eigenen Hälfte ab und die anderen drei standen im freien Raum des Mittelfelds herum und schauten sich ratlos gegenseitig an. Dass Jan Vennegoor of Hesselink in der 93.Minute noch zum 3:2 treffen würde, war zwei Minuten zuvor noch undenkbar. Die Körpersprache, die vielen individuellen Fehler, die Ratlosigkeit im Spiel nach vorne… Rapid stellte sich zeitweise wie eine Schülermannschaft an. Wer trägt die Schuld an Rapids schwachem Auftreten?

Ein Trainer mit Instinkt

Ich war (und bin) immer ein Verfechter von Peter Pacults Art zu coachen. Er verzichtet im Trainingsalltag zwar auf wichtige Hilfsmittel, die der Mannschaft helfen könnten (Stichwörter Videoanalysen oder Laktattests), wofür ihn auch einige Fans und gar Kollegen belächeln oder mit Unverständnis begegnen, aber der eigenwillige Coach hat mit dem SK Rapid Erfolg, was sicher auch auf seine unkonventionelle Art zu coachen zurückzuführen ist. Manchmal ist der Bauch bei Pacult schneller als der Kopf, dann aber auch “gescheiter”. Nicht selten tätigt Rapids Cheftrainer Auswechslungen oder andere kleine Schachzüge, die zunächst niemand wirklich nachvollziehen kann, sich aber später als wert- und erfolgreiche Instinktwerke herausstellen. Gerade in letzter Zeit, als es für Rapid nicht gut lief und der Druck auf den Trainer größer wird, kann ich aber nicht umhin zu bemerken, dass bei Pacult der “Ich bin der Trainer und niemand anders”-sturheitsfaktor einsetzt und so manches Spiel von Rapids Erfolgstrainer nahezu “vercoacht” wird. Das sieht man schließlich auch an den Reaktionen der Spieler auf dem Platz.

Höchststrafe für einen Unschuldigen
Topbeispiel dafür: Seine heutige Auswechslung in Minute 54. Der schwache Veli Kavlak musste raus, für ihn kam Christoph Saurer, der dieselbe Position wie Rapids Nummer 17 einnehmen sollte. 29 Minuten später war für Saurer jedoch schon wieder Feierabend. Er bekam die berühmte “Höchststrafe”, wurde ein- und ausgewechselt, musste Christoher Trimmel weichen. Zu betrachten ist aber das größere Ganze des Problems auf der linken Seite: Veli Kavlak suchte entsprechend seines Spielstils sehr viele Eins-gegen-Eins-Duelle mit seinen Gegenspielern, lief sich aber oft fest, weil er gar keine anderen Optionen hatte. Durch die “Doppelsechs”, also zwei defensive Mittelfeldspieler, entsteht bei Rapid im Spiel nach vorne im zentralen Mittelfeld ein großes Loch, das den Spielaufbau schwer beeinträchtigt und nicht zur Entlastung der Flügelspieler beiträgt. Die defensiven Mittelfeldspieler Stefan Kulovits und Thomas Hinum sind zwar brave Fighter, die wichtige Laufarbeit verrichten, aber alles andere als Offensivspieler sind, die in der Zentrale Tempo bestimmen oder das Angriffsspiel beleben können (abgesehen davon, dass vorallem Kulovits nicht gerade ballsicher und kein Mann für tödliche Pässe ist). Erwartungsgemäß hatte auch Saurer keine Anspielstationen, hing in der Luft - und musste gleich wieder raus. Erst als die Doppelsechs aufgelöst wurde und Nuhiu für Hinum kam, wurde Rapid offensiv präsenter, wenn auch zunächst nicht sehr gefährlich, wurde dennoch für das facettenreichere Offensivspiel mit dem Siegtreffer zum 3:2 belohnt. Bei allem Respekt vor dem Gegner: In einem Heimspiel gegen den Kapfenberger SV muss ein einzelner defensiver Mittelfeldspieler, auch wenn dieser nicht Markus Heikkinen heißt, reichen. Angriff ist die beste Verteidigung, aber angreifen sollte man nicht nur im Angriff oder auf den Flügeln.

Zonenfußball als Heilmittel

Nur ein Beispiel von vielen, denn in der ganzen bisherigen Saison sah man immer wieder tollkühne taktische Varianten. “Strafraumkobra” Hamdi Salihi oder Rene Gartler mussten immer wieder auf den Flügel ausweichen, in Ried versuchte man sich mit dem “Riesensturm”, bestehend aus Nuhiu und Vennegoor of Hesselink, der nicht zusammenpasste. Dass Arbeiter wie Kulovits oder Hinum zusammen das defensive (und somit eigentlich auch offensive) Mittelfeld organisieren müssen, wurde ja bereits erwähnt. Ich bleibe dabei, dass es für Rapid auch aktuell nur ein System gibt - und das ist ein 4-2-3-1. Wenn man schon mit zwei defensiven Mittelfeldspieler aufläuft, braucht man einen dritten Offensivmann davor, der die Zentrale besetzt, um so dem Gegner ein Übergewicht im Mittelfeld aufzuzwingen. Und dann bedient dieses massive Mittelfeld eine treffsichere, körperlich präsente Solospitze - und eine solche ist Jan Vennegoor of Hesselink. Hamdi Salihi und der Turm Atdhe Nuhiu hat man schließlich immer noch für heikle Situationen. Sicher ist Rapid aufgrund des veränderten Spielermaterials nicht mehr so vielseitig und unberechenbar, wie in Zeiten eines Nikica Jelavic oder des 50-Tore-Sturms Hoffer/Maierhofer, aber genug Qualität gibt es in Hütteldorf nach wie vor. Der Trainer muss nur sehr gründlich über seine aktuelle Formation beziehungsweise Raumaufteilung nachdenken, denn vorallem das “Spiel mit Zeit und Raum”, mit dem auch kleinere Mannschaften immer wieder Große ärgern können (was man derzeit in sämtlichen Ligen und Bewerben sieht), ist Rapid verbesserungswürdig zum Quadrat!

(c) Daniel Mandl - austriansoccerboard.at

LINKS:
Nachbesprechung: Rapid - Kapfenberg … 3:2 (1:1)
Forum: SK Rapid Wien
Austrian Soccer Board, Österreichs größtes Fußballforum

Antwort schreiben 25568 Aufrufe gesamt, 1 Aufrufe heute  

Einen Kommentar schreiben

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar zu schreiben.