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Was rennt (rennt was) falsch in der Red-Bull-Welt?

21.09.2010 | 1 Kommentar

Red Bull Salzburg schlittert in eine handfeste Krise. Fünf Punkte aus fünf Ligaspielen, Aus in der Champions League Qualifikation und später die erwartungsgemäße Niederlage gegen Manchester City (allerdings ohne Aufbäumen), dazu ein eigentlich unfassbares 1:3 im Cup bei Blau-Weiß Linz. Eine Niederlage, die zu niedrig ausfiel.

Wie kann es sein, dass ein Team mit den Möglichkeiten von Red Bull Salzburg mit 1:3 bei Blau-Weiß Linz verliert und damit aus dem Cup ausscheidet? Liegt’s an mangelnder Lust bei den Spielern, weil der Cup ja ein Bewerb ist, der gerne mal verschmäht wird? Wohl kaum, denn auch nach Ausreden für das 0:1 in Mattersburg oder das 0:0 daheim gegen den LASK in der Meisterschaft sucht man vergeblich. Eine solche Situation hat zumeist nicht nur eine Ursache. In Salzburg kommen derzeit einige Probleme zusammen und formen ein großes. Oder ist es gar kein Problem?

Stevens Training zu lasch?

Die Mannschaft etwa ist nicht davon überzeugt, dass das Training von Huub Stevens für die nationalen und internationalen Ansprüche des Klubs ausreichend beziehungsweise zielführend ist. Nach der Cupblamage in Linz gab es am Trainingsgelände der Bullen eine Standpauke von Dietmar Beiersdorfer, die jedoch nicht wirklich bei den Spielern ankam. Dem Deutschen fehlt es angeblich ein wenig an der autoritären “Schreistimme”, sickert zumindest aus Mannschaftskreisen heraus. Aus denselben Kreisen kommt auch die alarmierende Information, wie sich die Spieler der “Roten Bullen” derzeit ihre Zeit vertreiben. Stevens ist davon überzeugt, dass das größte Problem des Teams ist, dass der Ball nicht lang genug gehalten werden kann. Also wird im Training stundenlang “g’höscherlt” und somit auch keinerlei Abwechslung geboten. Einige Spieler wirken nicht fit, andere aufgrund des faden Trainings gelangweilt oder demotiviert - und jeder hält den Mund. Hand auf’s Herz: Würdet ihr groß das Maul aufreißen, wenn ihr das Salär eines Red-Bull-Salzburg-Kickers hättet? Es ist augenscheinlich, dass hier eine ganze Menge Leute gemütlich abcashen, aber nichts bewegen wollen. Auch dafür bekam ich heute die ernüchternde Bestätigung aus Mannschaftskreisen, in denen sich vorallem ältere Spieler fragen, was denn dieses Grundschultraining soll…

Falsche Transfers

Und wofür Stevens auch noch eine ganze Menge Kritik einstecken muss - vielleicht noch nicht sofort, aber in absehbarer Zeit - ist die Zusammensetzung seines Kaders. Mit Tchoyi und Janko verlor Red Bull Salzburg die beiden Kicker für ihre Überraschungsmomente, zudem den unangefochtenen Topscorer der letzten beiden Jahre. “Verlor” ist freundlich ausgedrückt, zumal Stevens die beiden nicht immer wie Liebkinder behandelte, die beiden besten Spieler des Teams quasi zum Wechseln verführte. Gleichwertiger Ersatz wurde keiner gekauft. Boghossian ist kein gleichwertiger Janko-Ersatz, Zarate ist gut, aber für seine Gegenspieler keine unlösbare Aufgabe, wie sie Tchoyi nicht selten war. Mendes da Silva spielt drei Klassen unter seinen Möglichkeiten, mit Jantscher und Hierländer kamen hoffnungsvolle, junge Spieler, die aber sicher nicht (Champions-League-)Kohlen aus dem Feuer holen können und für den 21jährigen Brasilianer Alan legte man über drei Millionen Euro auf den Tisch, weil man ihn ebenfalls für ein Versprechen für die Zukunft hält, ihm aber offenbar noch nicht zutraut, sofort in der Startelf zu spielen. Offene Fragen: Ist Stevens an der Kaderzusammensetzung schuld? Wieso wollte Stevens gerade diese Spieler haben? Oder wollte er eh andere?

Der Masterplan

Woran liegt es, dass plötzlich vier von sieben Neuverpflichtungen des amtierenden Meisters 23 Jahre oder jünger sind und allesamt hochdotierte, langfristige Verträge erhalten? Letzte Saison verpflichtete man neun Spieler, von denen vier 28 oder älter waren, der Jüngste war Schiemer mit 23 (und kein Vertrag länger als drei Jahre), und Salzburg holte die Meisterschale und legte eine beeindruckende Europa-League-Saison hin. Es ist nicht logisch, dass man nach einer erfolgreichen Saison, die auf internationaler Ebene einen Aha-Effekt hinterließ, fast ausschließlich unerfahrene Spieler holt und die schmerzlichsten Abgänge nicht gleichwertig ersetzt, wenn man mit einer möglichen Champions-League-Qualifikation den Schritt auf die nächste Sprosse der Leiter internationaler Klasse schaffen will. Fakt ist, dass nicht Red Bull Salzburg in die Champions League kommen “muss”, sondern nur Red Bull. Und dass dies von Österreich aus schon alleine wegen Startplätzen und Setzungen nicht einfach ist, hat Mateschitz desöfteren betont. Doch jetzt, wo Red Bull respektive Rasenballsport Leipzig immerhin schon in der vierthöchsten Spielklasse Deutschlands kickt und ein weiterer Aufstieg bereits das Profigeschäft bedeuten würde, braucht man Spieler, die das Nummer-Eins-Zugpferd des Red-Bull-Ausflugs in die Fußballwelt schnell in die große deutsche Bundesliga hieven können. Die Nummer 1 von Red Bull ist in Leipzig zu Hause, die Nummer 2 in New York, wo man versucht die sensationsgeilen Amis mit Superstars wie Henry oder Marquez in die Soccer Stadiums zu locken und die Nummer 3, wenn ihr so wollt der “Erstversuch”, ist dann eben “nur” Salzburg.

Das Juniorenteam wird kommen

Mateschitz erklärte schon einmal in einem Interview, dass Salzburg zu einer “Juniorentruppe” umgebaut wird, die in Österreich um den Meistertitel mitspielen könne, sobald das Projekt Leipzig auf Schiene ist. Auf Schiene heißt wohl Liga 2 und die damit verbundene Öffentlichkeits- und vorallem TV-Präsenz, die bereits auf zweithöchstem Level dank dem Sender “Sport1″ absolut gesehen klar höher und lukrativer ist, als alles, was es in Österreich zu ernten gibt. Und in das System des U21-/U23-/Juniorenteams, was auch immer es im Endeffekt tatsächlich werden wird, passen die Vierjahresverträge für Spieler wie Boghossian, Hierländer, Jantscher oder Alan perfekt. Denn ganz brutal gesagt: Wenn diese Spieler in Salzburg brav ihre Leistungen bringen, werden sie, sobald der noch kleine Bruder aus Leipzig der Regional- oder Drittliga entwachsen ist (und das wird bald der Fall sein), einfach aus Salzburg abgezogen, um in Deutschland auf Torejagd zu gehen. Für denselben Arbeitgeber. Man muss sie dafür nicht einmal wirklich transferieren.

Man kann die Negativserie der Salzburger nun auf Stevens Training oder die Einstellung mancher Spieler schieben, aber der Fisch fängt noch viel weiter oben zu stinken an. Die Krise kommt nicht unbedingt überraschend, immerhin war die diesjährige Personalpolitik der Salzburger im höchsten Grade unlogisch. Oder eben absolut logisch und aus österreichischer Sicht bedauernswert, wenn man eins und eins zusammenzählt.

(c) Daniel Mandl - www.austriansoccerboard.at

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Ein Kommentar

  1. sehr guter Bericht und eigentlich schlimm wie hier mit dem Fußball umgegangen wird. Die Bundesligamannschaft verkommt zur “Amateur”-Mannschaft, also zur 1b von Leipzig… zum Glück macht das Beispiel Red Bull noch nicht Mode im internationalen Geschäft.

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