Home / Allgemein / Birmingham - ein Erlebnisbericht: Teil 3

Birmingham - ein Erlebnisbericht: Teil 3

31.08.2010 | Keine Kommentare

Als Emile Heskey zu Beginn der Rapid-Viertelstunde das 2:1 für Aston Villa erzielte, war mein erster Gedanke nicht etwa “fuck”, sondern “ok, gut so, ein Tor machen wir eh noch und dann sind wir gleich weiter”. Unglaublich, dass dieses 2:2 auch prompt fiel.

Die Sekunden in denen der Ball von Mario Sonnleitner am geschlagenen Brad Guzan ins Tor kullerte waren wohl die längsten meines Fanlebens. Und dann passierte im Sektor das, was Guy später als “Mayhem” bezeichnete. Einer der ärgsten Torjubel ever. Die Cambridge-Jungs zuckten komplett aus, Alix umarmte mich und hob mich hoch, was mir aufgrund seiner ca. 165cm keine sonderlich bessere Sicht verschaffte D - ich fiel all meinen anderen Stadionnachbarn um den Hals, mitten in der Jubeltraube war ein brüllender Fanpolizist, der mittlerweile seinen Weg zu uns gefunden hatte, weil er in der Nähe irgendjemanden kannte. Und kaum war das 2:2 besorgt und allesamt ein Stechen in der Schläfe hatten, weil das Herausbrüllen unseres Frusts über das 1:2, unserer Angst vor einem Ausscheiden uns total verausgabte, bricht Trimmel nach idealem Hofmann-Zuspiel auf rechts durch und findet per Stanglpass Rene Gartler, der unseren Sektor endgültig total fertigmachte. 3:2, Sternstunde, unglaublich!!! Ich kugelte gleich mal auf dem Boden, schrie nur noch das Wort “unglaublich”, dachte nachher, dass ich mir beim Torjubel die kleine Zehe brach (was sich später als elend-unangenehmer Bluterguss herausstellte, aber verdammt, es ist mir so egal)… Parazitu, der vor mir stand, drehte sich um, nicht wissend, was er als Nächstes tun sollte, das Gesicht komplett nass vor lauter Freudentränen. Ein nahezu schockiertes “Oida, Danny, ich weine, ich mein, das gibt’s ja nicht”, hinter mir der sonst eher gelassene Elwood mit einem Grinser als hätte er in der Moneymaker-Maschine alle Scheine auf einmal gefangen, ein wildfremder Fan, der über zehn Sitze kletterte und mich mal eben auf die Schultern nahm - und ein sich leerender Villa Park. Nein, echt, sowas habe ich mein Leben lang noch nie erlebt. Das sind die Emotionen, für die der Fußball erfunden wurde. Und das sind auch die Emotionen, weshalb man niemals sagen sollte “dort war ich schon, dort fahr’ ich nimmer hin”.

Als das Spiel vorbei war setzte bei mir jegliches Zeitgefühl aus. Als der Ball nicht mehr rollte, gingen die Feiern auf der Tribüne los. Ich habe keine Ahnung wie lange sie dauerten. Alles um mich herum war so surreal, es war wie einer dieser realistischen Träume aus denen dich plötzlich der Wecker reißt und in die Realität zurückholt. Aber verdammt, es klingelte kein Wecker! Und meine Zehe tat dermaßen weh, das musste echt sein! Irgendwann leerte sich das Stadion, die Cambridge-Jungs zogen grinsend von dannen, weil sie ihren letzten Zug erwischen mussten. Die Tageflieger machten sich auf den Weg zu den Bussen, um wieder heimzufliegen. Aber für unsere kleine aber feine Reisegruppe ging es gleich wieder via Taxi ins “Figure Of Eight”. Dieses unrealistische Spiel musste einfach noch einmal begossen werden. Als langsam aber sicher die Realität in meinem Hirn einsetzte, taumelte ich zwischen totaler Euphorie und “nicht wissen, was ich als Nächstes tun soll”. Es war ein Gefühl wie Drogen oder wie der kurze Apnoezustand, wenn man beim Tauchen diese eine Sekunde zu lange unter Wasser bleibt. Wir versuchten das Spiel irgendwie zu analysieren, nachzubesprechen, aber es kam einfach nichts Gescheites dabei raus… meistens endeten alle Ansätze dieses Ereignis erklären zu wollen in einem “des is eigentlich so deppat”…

Nachdem das “Figure of Eight” dicht machte, ging es noch ins “Tap & Spile”, ein eher heruntergekommenes Pub in einer Seitengasse der Broad Street, wohin uns schließlich weitere ASB-User begleiteten, valderama und Guardiola16 leider vor dem Eintritt halt machten, was uns zu spät auffiel. Macht nix, Jungs! Nächstes Mal, in einer anderen Stadt, da holen wir die Birmingham-Pints nach! Vor dem Pub hörten wir einige Leute, wie sie uns “RAPID VIENNA” zuriefen. Etwa der Bouncer des Pubs. Wir erwiderten die Rufe ebenso und bedankten uns für die fairen Glückwünsche von Birmingham City- und Aston Villa Fans. Einzig als ich in meiner Euphorie auch im Lokal noch einmal “RAPID VIENNA” schrie, erntete ich ein etwas betrübtes “Fuck off” D - alles in allem fühlten wir jedoch durch die vielen Sympathiebekundungen, die netten Leute, die uns zuerst Glück wünschten und uns dann beglückwünschten und die tollen Ereignisse und gemütlichen Pints in Birmingham wie die Könige der Welt. Einmal mehr gab’s nicht den geringsten Wickel, auch wenn wir uns hie und da zum Adams-Family-Coverchant “Your brother is your father, your sister is your mother, they like to f*** each other, the Villa family!” hinreißen ließen. Hey, Guy hat ihn uns beigebracht und der ist selbst ein Villan…

Ich unterhielt mich schließlich lange mit Guy, lud ihn zu einem Spiel nach Wien ein, begann erstmals so etwas wie eine Analyse des Abendspiels auf die Reihe zu kriegen. Guy meinte fair wie immer, dass dies eine große Leistung für Rapid war, schließlich verloren im Villa Park zuletzt Teams wie Manchester United oder Chelsea und wir schafften hier zweimal innerhalb von 53 Wochen den Aufstieg in die Europa-League-Gruppenphase. Guy gehörte zu den Villa-Fans, die den Europacup lieben, weil er immer neue Möglichkeiten bietet, neue Fans in die eigene Stadt schwappt und geile Auswärtsfahrten ermöglicht. Doch mit dieser Meinung steht er verhältnismäßig alleine da, denn eine große Mehrheit der Villa-Fans sagen eher “Fuck Europe”, wollen sich auf die Premier League konzentrieren. Doch selbst die können die eklatante Misswirtschaft, die bei Aston Villa seit einiger Zeit betrieben wird, nicht verheimlichen. Curtis Davies etwa, am Donnerstag einer der Schwächsten, wechselte einst um 10 Millionen Euro von West Bromwich Albion zu den Villans. Um dieselbe Summe kam Abwehrpartner Carlos Cuellar von den Glasgow Rangers. Gegen Rapid bildeten zwei Abwehrspieler die Aston-Villa-Innenverteidigung, die gemeinsam mehr Geld kosteten, als Rapid pro Saison zur Verfügung hat. Und da beschönigt auch keine “B-Elf-Ausrede” die Blamage des Premier-League-Klubs. Der horrenden Summen nicht genug: Die in Wien aufgestellten Stephen Warnock und Stuart Downing kosteten 9 bzw. 13 Millionen Euro. Selbst für den mittlerweile 32jährigen Habib Beye, der bei zwei Toren nicht gut aussah, legte Aston Villa 2,9 Millionen Euro auf den Newcastle-United-Tisch. Ausreichend Qualität sei aber dennoch nicht vorhanden, da hilft auch der 30 Millionen Euro Transfererlös (!) nicht, den Aston Villa von Manchester City für James Milner einheimste. Laut Guy wird Aston Villa die heurige Saison hinter dem Lokalrivalen aus Birmingham, und bestimmt nicht unter den ersten 7 Klubs der Premier League beenden. Darüberhinaus glaubt er, dass dies die letzte Chance für einige Zeit war europäisch zu spielen. Eine Chance, auf die man eine ganze Saison lang hinarbeitete - immerhin wäre alles, was darüber hinausgehen würde utopisch gewesen, die Europa League sollte daher auf internationaler Ebene das realistische und zu verfolgende Ziel sein - war mit zwei Spielen gegen das kleine Rapid wien dahin.

Nachdem wir noch ein paar nette Fußball-Unterhaltungen mit völlig besoffenen Aston-Villa-Fans, sowie einem West-Bromwich- und einem Liverpool-Supporter führten, ein etwas aufdringlicher Villa-Fan vom Bouncer des “Tap & Spile” unsanft zu Boden gedrückt wurde und Elwood endlich heimwollte und ich so nicht mehr zum Karaokesingen im trashigen Pub kam, ging ein langer und von vorne bis hinten genialer Fußballtag zu Ende. Am nächsten Tag machten wir uns, geschlaucht von den Geschehnissen des Donnerstags, auf den Weg zurück nach Wien. In Zürich hatten wir noch eine kleine Unterhaltung mit fünf Leuten von der “Torcida” von Sporting Lissabon, die gerade auf ihren Anschluss von Kopenhagen nach Lissabon warteten, nachdem sie Bröndby nach einem 0:2 daheim auswärts noch 3:0 besiegten. Sie informierten uns noch ein wenig über die vielen Stärken und wenigen Schwächen von Gruppengegner FC Porto, nur um dann von Elwood geärgert zu werden, indem er ihnen sein 1995er Carsten Jancker Trikot vor die Augen hielt D - in Wien angekommen war uns wohl erstmal so richtig klar, was da passiert ist. Die Bilder der jublenden Mannschaft und den hunderten Fans am Flughafen machten die iPhone-Runde, im ASB wird bereits über die drei Gruppengegner diskutiert… und trotzdem bleibt es unglaublich. Es ist sicher eine Fahrt, die uns lange, wenn nicht sogar immer in Erinnerung bleiben wird, also möchte ich den Reisebericht gemäß dem Transparent des LASK-Spiels mit den Worten “Tausend Dank den Villa Killern” beschließen!

Weitere spannende Fußballdiskussionen findest du in Österreichs größtem Fußballforum!

Antwort schreiben 22438 Aufrufe gesamt, 3 Aufrufe heute  

Einen Kommentar schreiben

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar zu schreiben.