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Das große europäische Finale

09.07.2010 | Keine Kommentare

Nach der Vorrunde war der Katzenjammer in den europäischen WM-Lagern groß. Es wurde bereits darüber gesprochen, dass die starken Südamerikaner bereits in naher Zukunft mehr WM-Starterplätze bekommen könnten, weil Europa auf dem absteigenden Ast ist und Top-Mannschaften wie Italien oder Frankreich frühzeitig ausschieden, während sich alle fünf Südamerikaner für das Achtelfinale qualifizierten. Gegen Ende des Turniers lacht jedoch Europa…

Es ist schwer zu sagen, woran die Südamerikaner scheiterten. Vorallem bei Brasilien ist eine Analyse schwierig. Viele meinen die Selecao scheiterte am unbrasilianischen Spiel oder auch an der Formkrise von Superstar Kaká, wodurch das brasilianische Team keinen absoluten Weltklassemann im Mittelfeld hatte. Ich meine Brasilien scheiterte einfach nur an sich selbst. Das Team war vorallem defensiv weltmeisterlich, aber das hilft alles nichts, wenn man in einem WM-Viertelfinale defensiv wie offensiv Anfängerfehler macht und nicht kampfwillig genug ist, diese wieder auszubügeln. Argentinien hatte das Spielermaterial für den Fußballolymp 2010, aber einen Trainer, der alles war, nur kein Trainer. Maradona war zweifelsohne cool, ein Topmotivator war, eben einer, der die WM bereichert. Aber das 0:4 gegen Deutschland geht größtenteils auf seine Kappe - es passierten Fehler, die einem Argentinien-Coach Bielsa oder Martino nicht passiert wären. Ich bin davon überzeugt, dass diese beiden Trainer Argentinien heuer bis ins Finale geführt hätten. Nicht nur weil sie die größeren Taktikfüchse und Fußballexperten sind, sondern auch weil sie der Freunderlwirtschaft im argentinischen Team keine Chance gegeben hätten. Der total überholte Juan Sebastian Verón hat absolut keine Berechtigung in einem derartigen Nationalteam zu stehen und es ist eine mittlere Frechheit Martin Palermo mitzunehmen und dafür Napolis Lavezzi zu Hause zu lassen… nur mal so als Beispiel.

Helden aus der zweiten Reihe

Überrascht und zeitweise entzückt war ich hingegen von den Teams der vorhin genannten Trainer Bielsa und Martino. Chile und Paraguay spielten schönen Fußball, liefen sich die Seelen aus dem Leib und hatten lediglich Pech mit der Auslosung. Viele der Fußballer, die wir bei den so genannten südamerikanischen Mittelständlern sahen, werden nach der WM ihren Klub wechseln. Weniger Pech bei der Auslosung hatte hingegen Uruguay, eine Mannschaft mit unglaublichem Spirit und echten Führungsdiegos: Diego Lugano, Diego Forlán, Diego Pérez, Diego Godín. Das Team hatte ab dem Achtelfinale Glück mit seinen Gegnern Südkorea und Ghana, die auf Augenhöhe waren und ärgerten danach, getrieben von einer kollektiven Euphorie und großem Selbstbewusstsein auch die Holländer. Schade nur, dass es speziell im Mittelfeld an individueller Klasse mangelte, sonst wäre diese Truppe für noch Größeres bereit gewesen.

Spanien mit makellosem Kurzpassspiel

Nun stehen wir also vor einem Finale zwischen der Niederlande und Spanien. Ein Finale, das im Austrian Soccer Board zwei User vorhersagten, obwohl über 100 ihre Finaltipps abgaben. Der Vorteil Spaniens ist definitiv die Fähigkeit einen Gegner durch kontrolliertes und nahezu makelloses Kurzpassspiel zu beherrschen wie kein anderes Team es kann. Die vermeintlichen Schwachstellen der Spanier, etwa Capdevila oder Xabi Alonso, sind keine. Dieses Team hat keine Schwächen, maximal noch einen kleinen Engpass an vorderster Front: Wenn Villa nicht spurt, bringt man einen fürchterlich formschwachen Torres, statt des aktuell gefährlicheren Llorente. Aber das hat auch ein bisschen etwas mit Heldentum zu tun.

Hinten zumachen, vorne hoffen

Die holländischen Feldspieler, die im Finale am meisten gefordert werden, heißen van der Wiel, van Bronckhorst, van Bommel und de Jong. Gerade das defensive Mittelfeld wird gegen das Tiki-Taka der Spanier, das vorallem 25 - 40 Meter zentral vor dem gegnerischen Tor zelebriert wird, ebenso geschickt zumachen müssen, wie es das deutsche Nationalteam über weite Strecken schaffte. Und die Außenverteidiger bekommen mit den spanischen Flügelspielern unangenehme, wendige und technisch sehr gute Gegner - die jedoch nicht selten den Endzweck außer Augen lassen. David Villa kann man so oder so nicht 90 Minuten neutralisieren, andererseits kann man auch Robben und Sneijder total abmontieren. Die Spielanlage im Finale ist klar: Spanien wird sein Spiel so aufziehen wie gegen Deutschland, gefühlte 100.000 Pässe anbringen, geduldig und mit großer Spielintelligenz auf die eine Chance warten, den Ball durch eine enge Gasse in Richtung Villa spielen oder die Flügel einsetzen. Die Niederländer werden hart verteidigen und in Vorwärtsbewegung Robben oder Sneijder suchen, auf dass die Genialsten in orange etwas mit dem Ball anfangen. Nicht gerade kreativ, aber seit gut 25 Spielen sehr effektiv.

Hässlich, aber trotzdem Weltmeister?

Mein Finaltipp sind dennoch die Spanier. Sie sind nach der gewonnenen EM 2008 und einer nur punktuell geänderten Mannschaft auf dem Level, wo man die Phrase “wenn die heuer nicht Weltmeister werden, werden’s es nie” dreschen möchte. So stark war Spanien noch nie zuvor und die Spieler sind gewillt genug, um ihre Vormachtstellung im Weltfußball zu bestätigen. Andererseits liegt es den Holländern noch immer tief im Mark, dass 1974 und 1978 einzelne Unachtsamkeiten den Titel kosteten. Damals sah man das beste holländische Team aller Zeiten und Hollands Fußball-Virtuose Johan Cruyff erklärte die verpassten Titel einige Jahre später damit, dass es in Holland nicht reichen würde einen Titel zu gewinnen. Man müsse diesen Titel auch noch schön und möglichst frech gewinnen, man müsse mit der Spielweise des Nationalteams die Lebensweise des holländischen Volkes verkörpern. Vielleicht wird 2010, 32 Jahre nach dem Hexenkessel von Buenos Aires, ausgerechnet eine holländische Truppe Weltmeister, die trocken, humorlos, zeitweise richtig hässlich spielt!?

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(c) Dannyo - austriansoccerboard.at

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