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Der ORF und die Emotionen

24.06.2010 | 2 Kommentare

Es war etwa die 80.Minute in den Abendspielen der Gruppen D. Deutschland führt gegen Ghana mit 1:0 und wäre damit Gruppensieger. Serbiens Pantelic gelang soeben das 1:2 gegen Australien und stieß die Achtelfinaltüre für die Serben wieder einen Spalt weit auf, denn ein serbischer Ausgleich würde für den Aufstieg genügen. Das dürfte aber nicht bis zum ORF durchgesickert sein…

…denn der Kommentator redete monoton und unbeeindruckt weiter, als säße er in einer Bibliothek und müsste deshalb auf den Lärmpegel achten. Eine der spannendsten Situationen der bisherigen Weltmeisterschaft holte er wieder so richtig runter, auf emotionales Friedhofsniveau. Ich glaube nicht mal, dass er das mit Absicht tat, sondern dass er die Situation falsch eingeschätzt hatte. Denn auch nach dem 1:2 Serbiens war im ORF nirgendwo die Rede davon, dass ein weiteres Tor der Serben wieder die ganze Gruppe umdrehen könnte. Ich denke, dass die Auswirkungen eines möglichen Ausgleichs dem Kommentierenden einfach nicht bewusst waren. Dass den Fußballübertragungen im ORF der Schmäh und die fachliche Kompetenz fehlt, daran habe ich mich ja schon gewöhnt. Aber ein wenig Emotion in einer derartigen Situation wäre wünschenswert, vorallem weil es um die Spiele der Serben und der Deutschen ging (von denen bekanntlich einige Landsleute in Österreich leben und auch vor den TV-Geräten sitzen). Hauptsache Oliver Polzer bekommt eine kommentarbedingte Apnoe, weil Lionel Messi nahe der Betreuerbank den Ball bekommt und mit einem Rückpass auf Innenverteidiger Demichelis weiterverarbeitet: “So, jetzt Messi, Messi, Messi, Messi, Messi, …, MESSI!”

Kommentar für Sehbehinderte

Eine gute und recht amüsante Alternative für alle, die von Polzer und Co. genug haben, ist übrigens der Kommentar für Sehbehinderte, der für jede Partie vom ORF zur Verfügung gestellt wird. Ein einziges Mal hat der “normale” Kommentator wörtlich darauf hingewiesen - in den anderen Spielen wurde die Information für Sehbehinderte, dass sie doch den Tonkanal wechseln mögen, wortlos eingeblendet. Im Internet-Jargon würde man das wohl “FAIL” nennen. Ich habe mir vor einigen Monaten schon mal ein Spiel der österreichischen Nationalmannschaft mit dem “Spezialkommentator” angehört - und tatsächlich war er besser als die ORF-Sportelite. Nicht weil er in ausgetüftelten Metaphern kommentierte oder pseudointellektuelle Taktikausführungen, die er selbst nicht verstand (Stichwort “wer selbst schon mal Fußball gespielt hat, weiß…”) zum Besten gab: Sondern weil er einfach vermitteln konnte, was am Spielfeld vor sich ging und das Spiel enthusiastisch aber nicht übertrieben kommentierte. Ähnlich einem Radiokommentator aus den 70er- oder 80er-Jahren, irgendwie kultig.

Kim Jong Il vs. Mobutu

On-Topic: In Nordkorea wird offenbar bereits darüber beraten, was mit den WM-Versagern passieren soll. Ein ehemaliger Trainer berichtete, dass Diktator Kim Jong Il von Sportversagern wenig begeistert ist und diese in Kohlebergwerke versetzt, wenn sie wieder nach Hause kommen. Da gibt’s für die nordkoreanischen Kicker nur eine vernünftige Lösung. Ebendiese, die sich schon das Nationalteam von Eritrea, das übrigens in der Liste der “Reporter ohne Grenzen” für Länder mit der geringsten Pressefreiheit auf dem weltweit letzten Platz, noch hinter Nordkorea liegt: Nicht nach Hause kommen. Was sich vor der WM viele dachten, könnte also nach dem 0:7 gegen Portugal und einer weiteren drohenden Schlappe gegen die Elfenbeinküste am Freitag zum bitteren Ernst werden. Die Situation erinnerte ein wenig an den Auftritt der Nationalmannschaft von Zaire bei der Weltmeisterschaft 1974. Damals verlor Zaire das erste Spiel gegen Schottland mit 0:2 und ging im zweiten Spiel gegen Jugoslawien mit 0:9 unter. Der damalige Diktator Zaires, Mobutu Sese Seko, ließ ausrichten, dass das Team gegen Brasilien ja nicht mehr als drei Tore kassieren solle. Wissend, dass es den Spieler des Gegners an den Kragen gehen würde, wenn sie einmal mehr abgeschossen werden, verschonte Brasiliens Starelf die Zaire-Kicker - und gewannen genau mit 3:0.

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(c) Dannyo - www.austriansoccerboard.at

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2 Kommentare

  1. Der Unterschied zwischen euch und den Standardkommentatoren ist wahrscheinlich der, dass ihr klar auf ein Ziel fokussiert seid. Eben Bilder im Kopf der sehbehinderten Fans entstehen zu lassen. Der Kommentar der anderen Kommentatoren wirkt dagegen konzeptlos, “drauf los”. Hauptsache Phrasendreschen und ein bisschen was aus der Statistikdatenbank runterlesen. Das ist für meine Begriffe zu wenig bzw. zu unprofessionell.

    Zu dem Thema übrigens ein Beitrag im Austrian Soccer Board, der euch interessieren könnte: http://www.austriansoccerboard.at/index.php/topic/76389-sensation-beim-orf/

  2. Wir (Martin Zwischenberger und Gregor Waltl) als Kommentatoren des angesprochenen Länderspiels freuen uns zwar über das Lob, man muß aber fairerweise aufpassen, daß man nicht Äpfel mit Birnen vergleicht.
    Unser Job bei dem “Sehbehindertenkommentar” ist primär die Audiodeskription - sprich die detaillierte Spielbeschreibung, um Bilder im Kopf der sehbehinderten Fans entstehen zu lassen. Daß dieses ORF-Projekt von vielen Hörern und auch Sehern gut angenommen wird, spricht für die Wichtigkeit und soziale Kompetenz dieses Service für die knappe halbe Million an sehbehinderten Menschen in Österreich. Und daß diese Art von Sportkommentar für manche sehende Fussbalfans als “kultig” empfunden wird, ist natürlich eine angenehme Nebenerscheinung. Umso mehr freut uns aber auch die Vielzahl von sehr berührenden und unter die Haut gehenden Kommentaren und Feedbacks von sehbehinderten Fussbalfans.

    Wir freuen uns weiterhin über jegliches Feedback und auf ein baldiges Wiederhören!

    Gregor F. Waltl
    Martion Zwischenberger

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