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WM-Vorbericht - Gruppe G

15.06.2010 | Keine Kommentare

Gruppe G ist die Supergruppe der WM-Vorrunde. In keiner Gruppe tummeln sich so viele Stars wie hier. Fest steht aber auch, dass mindestens eine Topelf nach den sechs Gruppenspielen nach Hause fahren muss. Oder sogar zwei, wenn Nordkorea alle überraschen kann. Möglich?

Brasilien:

Fünf Sterne hat der brasilianische Fußballbund bereits über seinem Wappen. Um einen sechsten hinzuzufügen, setzt Jung-Coach Carlos Dunga auf eine völlig neue Seleção. Eine, die nicht mehr von Ballzauberern lebt, sondern von körperlich robusten, laufstarken, effizienten Spielern. Ein “deutsches Brasilien” quasi. Spieler wie Ronaldinho, Pato oder Adriano hat der Rekordweltmeister einfach daheim gelassen. Ein fast schon perverser Luxus? Oder macht eben das Brasilien noch stärker?

Wer die Stars des Teams sind, lässt sich hier schwer beschreiben, weil eigentlich jeder einzelne ein Star ist. Herausragend ist vielleicht noch Real Madrids Kaká (28), der im besten Fußballeralter zum ersten Mal “so richtig” Weltmeister werden will. 2002 wurde er es bereits, spielte allerdings im gesamten Turnier nur 19 Minuten lang. Damals war er 20 Jahre alt, heute ist er ein Weltstar - der allerdings für Real Madrid eine durchwachsene Saison spielte und an seine Superjahre bei Milan nicht zu 100% anknüpfen konnte.

Der neue Garant für ein erfolgreiches Brasilien ist die neue Generation von Außenverteidigern und der Torhüter. Inter Mailands Maicon (28), der womöglich Jose Mourinho zu Real Madrid folgen könnte, ist physisch stark, zudem technisch gut, erfahren (57 Länderspiele bisher) und auch noch torgefährlich. Gemeinsam mit Spaniens Sergio Ramos könnte er der beste und facettenreichste Außenverteidiger der Gegenwart sein. Mit Michel Bastos (26) spielt ein grundsätzlich sehr offensiv ausgerichteter Mann auf der linken Seite der Viererabwehr. Der Lyon-Kicker erzielte vergangene Saison 15 Pflichtspieltore, eine Saison zuvor 16 - und den stellt Brasilien in seine Abwehr. Verrückt genial eigentlich. Der Torhüter heißt Júlio César (30) und stand die letzten fünf Jahre für Inter Mailand im Kasten. Der 185cm große Keeper ist ein weiterer Garant für eine Topabwehr des fünffachen Turniersiegers.

Meine Einschätzung: Wenn es überhaupt eine Schwachstelle in dieser Mannschaft gibt, ist es vielleicht der Angriff. Mit Robinho und Luis Fabiano verfügt Brasilien über zwei Spieler von riesigem Potential, ob sie es abrufen, ist eine andere Frage. Nilmar und Grafite sind stark, aber eher keine Spieler, die Brasilien im Fall des Falles rausreißen. Das Gesamtpaket Seleção lässt mich aber zu einem klaren Fazit kommen: Gruppensieg und mindestens Halbfinalteilnahme.

Elfenbeinküste:

Les Éléphants haben ihr Leittier doch noch mitgenommen: Didier Drogba, womöglich zu Beginn des Turniers noch nicht im Stammaufgebot der Elfenbeinküste, ist trotz gebrochenem Ellbogens mitgefahren. Und das kann nur gut für die Elfenbeinküste sein, denn Drogba ist in der Form seines Lebens: In der abgelaufenen Saison machte er für Chelsea und das Nationalteam 56 Pflichtspiele mit und erzielte dabei 44 Tore, davon alleine 29 in der englischen Premier League. Aber auch seine Angriffskollegen zeigten zuletzt Top-Leistungen: Salomon Kalou (24) erzielte im bisherigen Kalenderjahr 2010 zwar nur neun Treffer, gehörte aber gegen Ende der Saison zum Stamm einer souveränen Chelsea-Meistermannschaft und spielte mit so manchem Gegner Katz und Maus. Gespannt sein darf man auf Seydou Doumbia (22). Der spielte die letzten beiden Jahre für die Young Boys Bern und wurde zweimal Schweizer Torschützenkönig, einmal mit 20, einmal mit 30 Toren. Bereits vor Ende der Schweizer Meisterschaft wurde sein Transfer zu ZSKA Moskau, um eine kolportierte Ablöse von fast zehn Millionen Euro, fixiert. Für einen Kicker, den die Young Boys seinerzeit um eine niedrige sechsstellige Summe aus Japan holten - dann kannst dir gratulieren D

Und auch defensiv verfügen die Ivorer, die von Sven-Göran Eriksson trainiert werden, über Klassespieler: Die Innenverteidigung etwa bilden Kolo Touré (29) von Manchester City und Didier Zokora (29) vom FC Sevilla. Vor der Abwehr wird Barcelonas Yaya Touré (27) die Fäden ziehen. Das Mittelfeld wird schließlich von technisch starken, jungen Spielern wie Cheik Tioté (23) von Twente Enschede oder Gervinho (23) von Lille abgerundet.

Meine Einschätzung: Eine tolle Mannschaft mit internationaler Klasse, vielleicht sogar einem Hauch von Weltklasse. Dauerhafte Probleme könnten Torhüter Boubacar “Copa” Barry und die Tatsache, dass nicht jede Position gleichwertig doppelt besetzt ist, sein. Ich glaube dennoch, dass sich die Laufstärke und Technik der Elfenbeinküste gegen die der Portugiesen durchsetzen wird und Eriksson mit seinem Team Zweiter hinter Brasilien wird.

Portugal:

Durch die nationale Megashow des FC Barcelona und das frühe Ausscheiden von Real Madrid aus der Champions League, ist dem Normalfußballverbraucher ein bisschen entgangen, welch geniale Saison Cristiano Ronaldo (25) eigentlich spielte. In seiner ersten Saison für Real Madrid erzielte er 26 Ligatore, dazu weitere sieben in der Champions League. Der wohl feinste Tricksler der Welt wird auch für Portugals Nationalteam DIE zentrale Figur sein. Aber was gibt es rund um Marketingtalent Ronaldo?

Vorallem mal eine gute Abwehr. Ricardo Carvalho (32) und Paulo Ferreira (31) von Chelsea, dazu Bruno Alves (28) vom FC Porto und der talentierte Fabio Coentrão (22) von Meister Benfica Lissabon bilden die Viererkette, der man erstmal ein Tor machen muss. Im Tor steht mit Eduardo (27) von Sporting Braga ein eher unbekannter Mann, der bisher erst 15 Länderspiele absolvierte. Mittelfeld und Angriff der Portugiesen sind jedoch schon etwas überholt. Der einst geniale Deco (32) war die letzten beiden Jahre beim FC Chelsea fast schon ein Schatten seinerselbst und auch Pedro Mendes (31), der erst vor einem halben Jahr wieder von den Glasgow Rangers zu Sporting Lissabon zurückkehrte, hat in den letzten Jahren abgebaut. Dazu kommt, dass etwa Real Madrids Pepe (27) nicht topfit ist und Simão Sabrosa (30) von Atletico Madrid auch schon ein wenig “drüber” ist, auch wenn er ein Kicker ist, auf den man eben immer aufpassen muss.

Auf einige Kicker muss man dennoch ein genaues Auge werfen: Etwa auf den in Brasilien geborenen Liédson (32), der seit 2003 fast 150 Pflichtspieltore für Sporting Lissabon machte und in guter Form nach Südafrika kommt. Einziges Problem: Beim Team konnte er seine Ligaform eigentlich so gut wie nie zeigen. Werder Bremens Hugo Almeida (26) hingegen schon. Der 1,90m-Mann mit dem Gewaltschuss überwand im Frühling eine Formkrise und ist jetzt wieder bereit für große Taten. Und ein weiterer Topmann heißt Danny (26): Geboren in Venezuela, seit 2005 in Russland unter Vertrag und durch seinen Wechsel von Dinamo Moskau zu Zenit St.Petersburg um 30 Millionen Euro der teuerste Spieler, der jemals in Russland spielte. Nach einer Seuchensaison 2009 kommt er 2010 wieder in Fahrt, spielte einen starken Saisonauftakt in der russischen Premier Liga und könnte bei der WM zu einem wichtigen Eckpfeiler im Team von Carlos Queiroz werden.

Meine Einschätzung: Portugal hat den Spieler in seinen Reihen, der das Potential hätte zum Superstar der WM zu werden. Aber Portugal als Ganzes ist reif für einen Generationswechsel. Das Spielermaterial dafür gäbe es ja, aber selbst schuld, wenn man zum Beispiel Sporting Lissabons Joao Moutinho nicht mitnimmt. Das Team wird Brasilien und der Elfenbeinküste heiße Kämpfe liefern, die Nordkoreaner schlagen, aber schließlich mit 3 oder 4 Punkten ausscheiden.

Nordkorea:

Was kann die “Chŏllima”? Wie gut stellt Trainer Kim Jong-hun sein Team ein? Wieviele Spieler werden aus dem hermetisch abgeriegelten Trainingscamp der Nordkoreaner abhauen und sich ins Ausland absetzen? Sehr viele offene Fragen und kaum jemand, der eine Antwort darauf hat. Wer ist diese totale WM-Unbekannte?

Nordkorea ist auf jeden Fall ein Land, das keines seiner Vorbereitungsspiele für sich entscheiden konnte, in der Qualifikation allerdings Platz 2 hinter Südkorea und vor dem Iran, Saudi-Arabien und den Vereinten Arabischen Emiraten belegen konnte. Der Star des Teams, einer von drei Legionären, spielt in Russland beim FK Rostov und heißt Hong Yong-jo (28). Dort ist der 175cm große Angreifer zwar kein Stammspieler, jedoch ein wichtiger Ergänzungsspieler. Was auffällt ist, dass das Team der Nordkoreaner sehr jung ist: Zehn Spieler sind jünger als 23 Jahre, nur zwei Akteure sind älter als 30. Das Prunkstück der Nordkoreaner ist - nicht sehr überraschend - ihre Disziplin und die taktische Umsetzung eines strikten Systems, das sehr defensiv und auf viel Laufarbeit aufgebaut ist. Gerät das Team in Rückstand, zieht es dasselbe Spiel einfach weiterhin durch, ohne groß aufzumachen. Somit ist nicht damit zu rechnen, dass Nordkorea in der Monstergruppe mit Brasilien, Portugal und der Elfenbeinküste zum Kanonenfutter wird.

Meine Einschätzung: Drei Niederlagen, ganz klar. Aber das Team könnte zu einem Sympathieträger werden. Wir haben es hier einmal mehr mit einem Haufen Duracellhasen zu tun, die ihr taktisches Ding entschlossen durchziehen.

Genaue Analysen zur Gruppe G findet ihr im Vorbericht-Beitrag im Austrian Soccer Board, Österreichs größtem Fußballforum!

(c) Dannyo - www.austriansoccerboard.at

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