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Passives Abseits – Segen oder Fluch?

10.05.2010 | Keine Kommentare

In der 94. Minute feierten die Spieler und Fans von Red Bull Salzburg nicht nur den Ausgleich, sondern auch den Gewinn der Meisterschaft. Diese Feier kam etwas zu früh, denn Linienrichter Feichtinger entschied auf Abseits. Der österreichische Meister wird somit erst nach der 36.Runde feststehen.

Nach dem Schlusspfiff spielten sich tumultartige Szenen auf dem Feld ab, da sich Red Bull Salzburg vom Schiedsrichtergespann um den Meistertitel betrogen fühlte. Simon Cziommer sagte im anschließenden Interview, dass ganz Österreich weiß, dass nun eigentlich Red Bull Meister sei. Der deutsche Mittelfeldspieler sprach weiters von menschlichem Versagen, wobei er allerdings nicht die Leistung seiner Mitspieler meinte, sondern die der Unparteiischen. Sportdirektor Dietmar Beiersdorfer setzte noch einen drauf und erzählte dem Reporter, dass nun auch er erkennen muss, dass die Wiener Vereine klar bevorzugt werden. Schiedsrichter Dietmar Drabek ist sich hingegen auch nach der zehnten Zeitlupe nicht sicher, ob sein Assistenten eine Fehlentscheidung traf

Passiv oder aktiv?

Der Schiedsrichter muss das Spiel weiter laufen lassen, wenn ein Spieler zwar im Abseits steht, aber weder direkt noch indirekt in das Spielgeschehen eingreift. Er nimmt direkt am Spielgeschehen teil, wenn er in das Spiel eingreift, aus seiner Stellung einen Vorteil ziehen kann, oder einen Gegner beeinflusst. Laut Kommentaren der FIFA zählt sogar eine Sichtbehinderung dazu, dass aus dem passiven Abseits ein aktives wird. Somen Tchoyi stand bei der Ballabgabe im Abseits und stieg auch zum Kopfballduell in die Luft. Auch wenn weder er noch sein Gegenspieler an den Ball kamen, so nahm er meiner Meinung nach aktiv an dieser Szene teil. Ohne Zweifel war sein Eingreifen für mich sogar schwerwiegender, als eine Sichtbehinderung. In meinen Augen hat der Linienrichter eine korrekte Entscheidung getroffen. Mich stört es allerdings ein wenig, dass Drabek und sein Boss Johann Hantschk diese Szene nicht abschließend beurteilen wollen. Auch wenn es möglicherweise eine Interpretationsfrage ist, dann erwarte ich mir, dass die “Profis“ diese Szene aus ihrer Sicht beurteilen und sich endgültig festlegen. Stattdessen sagt Hantschk, dass früher alles einfacher war, denn da war es immer Abseits, wenn einer vorne stand. Ich hoffe doch, dass der Schiri-Boss weiß, wie wichtig diese Regel für den modernen Fußball ist.

Nicht einfach, aber einfach gut

An der Abseitsregel wird seit über 140 Jahren herumgebastelt, wobei deutlich zu sehen ist, dass sie nach und nach entschärft wurde. Zu Beginn stand etwa jeder Spieler im Abseits, der bei einem Anspiel vor dem Ball stand, auch wenn er sich in der eigenen Hälfte befand. Nach und nach wurde diese Regel aufgelockert, wobei es bei jeder dieser Änderungen zu teilweise heftigen Diskussionen kam. Gerade bei der Diskussion rund um das passive Abseits gab es allerhand Proteste und einige Vereine wie 1860 München und Hertha BSC sprachen sich in der Öffentlichkeit deutlich dagegen aus, da es lediglich Auslegungssache sei, wann ein Spieler nun in das Spielgeschehen aktiv eingreift. Viele vergessen aber, dass diese Regel nicht nur negative Auswirkungen hat, sondern eine Menge an Vorteilen bringt. Früher reichte es aus, dass der Verteidiger einen Schritt nach vorne macht, um den Stürmer ins Abseits zu stellen. Diese Taktik ist nun nicht mehr so einfach anzuwenden, sodass die Abseitsstellungen in den Jahren nach der Einführung dieser Regel deutlich abnahmen. Der englische Journalist Jonathan Wilson begrüßt diesen Umstand, denn er stellt richtig fest, dass nur wenige Zuschauer in das Stadion gehen und sich sagen, dass sie heute wieder einmal so richtig geile Abseitsfallen sehen möchten.

Die vielleicht größte Auswirkung dieser Regel ist, dass das effektive Spielfeld größer wird. Es gab in den letzten Jahrzehnten immer wieder Vorschläge, dass das Spielfeld vergrößert werden sollte, da die heutigen Mannschaften im Vergleich zu den Fußball-Pionieren aus dem 19. Jahrhundert körperlich viel besser entwickelt sind. Viele beklagten, dass das Spielfeld für diese Athleten mittlerweile zu klein wäre, was in erster Linie den körperlich starken Mannschaften zugute kommt, da auf kleinem Raum die Zweikampfstärke entscheidend sei. Durch das passive Abseits und das damit verbundene Entwerten der Abseitsregel, stehen nun viele Mannschaften in der Abwehr etwas tiefer, wodurch das Spielfeld effektiv größer wurde. Wilkins macht diesen Umstand dafür verantwortlich, dass statt dreigeteilten Formationen (z.B. 4-4-2) nun immer öfter viergeteilte Formationen zu sehen sind (z.B.: 4-2-3-1). Kleine, technisch starke Mittelfeldspieler, wie sie der FC Barcelona, oder die spanische Nationalmannschaft besitzt, profitieren ungemein von dieser Regel. Jeder, der also über diese Abseitsregel schimpft und sich gleichzeitig freut, dass spielerisch starke Mannschaften wie der FC Barcelona die Champions-League gewinnen, sollte über die letzten Zeilen ein wenig nachdenken.

© Stefan Karger – Austrian Soccer Board

LINKS:
Austrian Soccer Board - http://www.austriansoccerboard.at/
Nachbesprechung aus Sicht der Red Bull Salzburg-Fans - http://www.austriansoccerboard.at/index.php/topic/75186-fc-red-bull-salzburg-fk-austria-wien/
Nachbesprechung aus Sicht der Austria Wien-Fans - http://www.austriansoccerboard.at/index.php/topic/75187-10-sieg-in-salzburg/

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